Ist der radikale Konstruktivismus, den systemische Berater:innen gerne vertreten, ethisch gleichgültig? Alle Menschen, so die These dieser philosophischen Position, konstruieren sich die Wirklichkeit so, dass sie für sie hilfreich ist, dass sie zu überleben hilft. Alle Wirklichkeiten, so schlecht sie auch gestrickt sein mögen, haben einen Sinn und eine Funktion. Befördert der Konstruktivismus damit eine gefährliche Gleichgültigkeit – etwa angesichts der horrenden und dehumanisierenden Wirklichkeitskonstrukte, die online gehen? Gibt es eine Möglichkeit zu unterscheiden, oder ist der Konstruktivismus sprachlos gegenüber Narrativen, die diskriminieren, abwerten, ausgrenzen, virtuell oder real andere Menschen zu Unmenschen erklären?

Navid Kermani, deutscher Schriftsteller und Publizist, reist durch Osteuropa über den Kaukasus bis in den Iran. Durch Polen, Weißrussland und Ukraine, die „Bloodlands“ des 20. Jahrhunderts (Timothy Snyder), in denen Millionen von Menschen umgebracht wurden, weil sie auf der falschen Seite standen und den Ideologien im Weg, weil sie anderweitig von vermeintlich falscher Meinung, Herkunft oder Rasse, oder weil sie Juden waren. Weil sie nicht als Menschen gesehen wurden.

Kermani interviewt die letzten Überlebenden, lässt die Nachkommen der Ermordeten zu Wort kommen, spricht mit Politiker:innen, Bürgerrechtler:innen, Künstlern und Journalistinnen, sucht den Kontakt mit Menschen auf der Straße oder Markt, besucht Deportierte und Vertriebene. Er schreibt auf, was er hört, und erzählt, was er sieht. Ihm gelingt es, an eine bewegende Vielfalt von Geschichten zu kommen, Menschen zu öffnen, lässt sie Mythen und Konstruktionen erzählen, aber auch heftige Schicksale, Verletzungen und Traumata.

„Wir wären ja friedlich, wenn die nicht…“

Und er zeigt eigene Haltung: Er hört zu, ist offen und bringt eine fast unerschöpfliche Neugier mit. Er zeigt Respekt und Interesse für die Menschen und deren Schicksale. Er bringt die Perspektive der Anderen ein, erzählt einem Armenier von einem Gespräch mit einem Aserbeidschaner, der fast das Gleiche gesagt habe, nur mit vertauschten Rollen („Wir wären ja friedlich, wenn die nicht…“). Er fragt nach Grundüberzeugungen, fragt nach dem Verhältnis zur EU. Er macht aber auch auf Inkohärenzen und Widersprüche aufmerksam. Er nutzt seine eigene vielschichtige Persönlichkeit als Spiegel und Modell: Iraner von Herkunft, Deutscher von Bildung, aufgeklärter Muslim, von christlicher Ästhetik fasziniert.

Er ist weit entfernt von der Bewertung des Anderen, weil er viel Anderes in sich trägt.

Konstruktivistisch gesprochen: Kermani geht weit hinein in die Sinn-Konstruktionen seiner Gesprächspartner:innen, geht deren Motive und Funktionen nach. Er lässt sie nicht als ’naturgegeben‘, ‚lebensgegeben‘ stehen, sondern fragt nach, markiert Inkohärenzen, bringt andere Geschichten ein und irritiert.

So könnte eine systemisch-konstruktivistische Ethik aussehen: Keine Ethik erster Ordnung. Die sofort inhaltlich Position bezieht, argumentiert, gegenhält – und dadurch zu früh blockiert. Sondern eine Ethik zweiter Ordnung. Die hört, nachfragt, mitgeht, die sich auf die Konstruktionen einlässt, durch Fragen Löcher und Risse zeigt – und genau dadurch die Chance auf Nachdenklichkeit und Veränderung erhöht.

Zu Kermanis Reise: Entlang den Gräben, München (C.H.Beck) 2018.

Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Kermani_in_Pristina.jpg

 

Andreas Grabenstein

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