Beratung und Coaching gehen nur von Angesicht zu Angesicht. Diesen Glaubenssatz“, sagte ein Beraterkollege, „kann ich jetzt zur Seite legen, nach den Erfahrungen der letzten Wochen“.

Überraschend viel läuft seit und nach dem Lockdown in der Beratungsarbeit online – und vieles läuft überraschend gut. Ich trage einige Erfahrungen der letzten Wochen zusammen und frage dann, wo körperliche Anwesenheit für eine professionelle Zusammenarbeit trotzdem notwendig ist.

Was lief und läuft in der virtuellen Kommunikation gut?

Einmal die Technik. Als hätte das Internet selbst dazugelernt. Waren die Videosessions vor der Corona-Zeit oft wackelig, die Tonqualität grausam, so läuft es jetzt unkompliziert, stabil und gut.

OK, die Anbieter haben aufgerüstet, klar. Aber diese Erfahrung ist auch eine Projektion der eigenen Lernkurve auf das Medium: Wir haben gelernt, das Mikro stummzuschalten, wenn wir nicht dran sind. Wir haben unsere Ausrüstung verbessert, Kameras und Kopfhörer. Wir haben gute Orte zu Hause oder im Büro gefunden für die Konferenzen.

Mehr noch: Wir sind souveräner geworden im Umgang mit der Technik. Wir probieren während Gesprächen, was mit der App noch so alles geht, testen mit Freund:innen und Kolleg:innen neue Funktionen und Features. Das Zutrauen in die Plattformen – und in uns selbst – ist gewachsen.

Die Souveränität der Live-Kommunikation ist in die virtuellen Formate eingesickert. Ich starre nicht mehr ständig auf die Kamera – im Live-Gespräch fokussiere ich ja auch mein Gegenüber nicht ständig. Ich stehe auf, gehe während des Gesprächs im Raum umher, visualisiere analog am Flipchart – oder digital mit dem iPad, das ich mit anderen teile.

Und es kommt durch die Virtualität etwas Neues dazu, was vorher nicht so ausgeprägt war: Wir hören einander besser zu, die Moderationsrolle ist anerkannt – weil niemand etwas versteht, wenn alle durcheinander reden. Kurze Dialogrunden organisieren sich fast von alleine: „Sagt mal jede:r zu der Frage, was ihm oder ihr durch den Kopf geht“ – und die anderen hören zu. Meetings werden konzentrierter, stringenter und sind besser vorbereitet.

Und es ergibt sich eine neue – vielleicht vordergründige? – Augenhöhe. Nachdem die Krawatte schon seit einigen Jahren aus Meetings verschwunden ist, geht es jetzt dem Sakko an den Kragen: Ich sehe T-Shirts und Kapuzenpullis von Führungskräften. Und bekomme Einblicke in geschmackvolle oder chaotische Wohnungsbüroecken. Dazu kommt: Wir sind bei der Technik alle Lernende, helfen uns gegenseitig: „Chefin, du musst dein Mikro wieder einschalten!“

Schließlich wächst die Lebensqualität – wenn man in der privilegierten Rolle dessen ist, der Arbeit hat, ausgelastet ist: Es ist schön, weniger reisen zu müssen – wenigstens für mich, der ich in Augsburg Wege und Orte zwischen Wohnung und Büro entdecke und mich nicht eingeschlossen gefühlt habe. Die Abwägung wird bleiben: Müssen wir uns dazu vor Ort treffen oder machen wir’s online?

Wozu dann noch aus dem Haus gehen?

Wozu dann noch aus dem Haus gehen? Wo braucht es körperliche Anwesenheit? Wo bringt sie eine Qualität, die es online kaum gibt? Wo verlaufen die Grenzen der virtuellen Kommunikation?

In der privaten Welt sind die Grenzen greifbar und naheliegend. Glücklich, wer im Lockdown mit Menschen zusammen war und ist und Nähe spüren konnte. Oder wenigstens zusammen mit einem Hund, einer Katze, etwas Lebendigem. Furchtbar war und ist die Situation für Menschen, die der Sprache nicht (mehr ausreichend) mächtig sind und die Nähe, Körpersprache und Körperlichkeit brauchen, um zu kommunizieren. Der alte Ehepartner an der Grenze zur Demenz im Heim. Die Frau mit geistiger Behinderung, die mit Händen redet und berührt, zeigt und streitet. Dass da in den letzten Wochen Tragödien passiert sind, ahne ich nur.

Und in der professionellen Welt? Was geht besser mit körperlicher Präsenz, was geht gar nur von Angesicht zu Angesicht?

Die ersten Minuten vieler Live-Treffen: Es wird geflachst, durcheinander geredet, sich über Fußball gestritten – ein Führungsteam wie junge Welpen. Oder auch: Große Ruhe und Aufmerksamkeit vor der Sitzung, weil einer vom kranken Vater erzählt, eine vom Unfall der Kollegin. Das ist wirkliches Leben in realen Treffen. Die Räume dafür müssen online bewusst geschaffen werden. Die Welpenenergie im oberen Führungskreis oder die Anteilnahme mit Kolleg:innen lässt sich online kaum reproduzieren – und ist so unendlich wichtig für Vertrauen und Kooperation.

Coachings online laufen gut, selbst schwierige Themen können besprochen werden. Ein Schlüssel dafür scheint mir das Vertrauen aus den Livebegegnungen davor zu sein. Das ließe sich auch online herstellen, braucht aber Zeit und Aufmerksamkeit. Es ist kommunikationspsychologisches Gemeingut, dass Menschen maximal 20 Prozent bewusst kmommunizieren, der Rest hingegen intuitiv, unbewusst läuft: Ob wir uns verstehen. Wo Fragen, Irritationen kommen. Zu merken, ob die andere noch dabei ist oder abschweift. Gesten, Gesichtszüge und Körperregungen helfen und steuern die Verständigung stärker als bewusst ist. Ich kann nonverbal darauf eingehen, manchmal wichtige Impulse setzen oder einfach nur zeigen: Ich sehe dich. Diese kleinen Dinge drumherum, abseits der Bühne, diese entscheidenden Signale fallen online weg und fehlen.

Aufgeladene Situationen oder Konfliktklärungen schließlich: Ich habe großen Respekt davor, sie online zu moderieren. Eine Chance der Virtualität könnte hier sein, dass es online noch wichtiger ist, sich auf Regeln zu einigen und auf die Metaebene zu gehen: „Halt, lassen Sie ihn bitte ausreden“. „Bevor Sie antworten, wiederholen Sie bitte, was sie von ihr gehört haben“. Virtualität kann ein Einübungsfeld für schnelle und hilfreiche Metakommunikation sein. Was aber, wenn das Gegenüber gerade weder metakommunizieren will noch kann? Wie merke ich als Moderator online, wenn jemand in der Runde kurz vorm Explodieren ist? Wie bekomme ich mit, wenn die Energie abfällt oder umgekehrt die Spannung im Raum mit Händen zu greifen ist – wie soll das gehen, wenn Microsoft Teams überhaupt nur vier Gesichter zeigt, sonst nur Initialen?

Dazu passt, was Gero von Randow kurz nach dem Lockdown über die Leiblichkeit des Politischen schrieb: Der Urnengang am Sonntag sei etwas Anderes als die virtuelle Wahl am Bildschirm. Die körperliche Präsenz des politischen Gegners im Parlament oder im Ausschuss schaffe eine andere Verbindlichkeit und einen anderen Respekt als der Schlagabtausch im Chat oder in den Social Media: Ich muss gewahr sein, dem Gegner in der Kantine zu begegnen, der Gegnerin beim Verlassen des Saals nahe zu kommen, gar in die Augen schauen zu müssen. Ob gute Debatten, guter, leidenschaftlicher Streit virtuell möglich wären?

Gero von Randow: https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-04/demokratie-coronavirus-wahlen-bundestag-abgeordnete

 

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